Erfahrungen


Kleinkläranlagen
Eckard Wulfmeyer


Was haben Stadtmenschen und Landmenschen nicht gemeinsam?
Also was haben die einen, was die anderen nicht haben?
Oder was haben die einen nicht, was die anderen haben?

Ist doch klar: Stadtmenschen haben eine Abwasserkanalisation und Landmenschen haben eine Klärgrube.
Stadtmenschen haben eine hohe Abwasserrechnung und Landmenschen den Abwasserverband, der kontrolliert,
ob die Kleinkläranlage auch tadellos funktioniert. Und wenn Landmensch Pech hat, dann kann er was erleben mit seiner vollautomatischen, vollbiologischen und haste nicht gesehen Kleinkläranlage, die, wenn auch für sechs Personen ausgelegt, gegen zwei schon nicht ankommt. Und damit nähern wir uns auch so langsam, aber ganz sicher, dem eigentlichen Inhalt dieses Beitrags.

Titel: Kleinkläranlagen in Medemstade.

Dieser Hof ist seit drei Jahren in unserem Eigentum. Zwei Jahre bevor wir diesen Hof kauften hat der damalige Eigentümer eine Kleinkläranlage installiert.
Warum er das tat?
Es gab neue Vorschriften, die 1996 in Kraft traten und eine Übergangsfrist bis 1999 um diese umzusetzen. Bis dahin war es also jedem erlaubt, seine gesamten Abwässer in einen der ewig langen Entwässerungsgräben, die alleine im Sietland eine Länge von insgesamt 2800
km haben, fließen zu lassen.
Kleinkläranlagen waren bis dahin in Medemstade eher die Ausnahme als die Regel. Man hatte in den meisten Fällen Sickergruben, die aber nicht wirklich effektiv waren - aufgrund des hohen Grundwasserspiegels.
So kam es, wie es kommen mußte und das Gesetz es vorschrieb. Der damalige Eigentümer beauftragte eine Firma, hier eine Kleinkläranlage (KKA) zu installieren. Eine KKA! Aber nicht irgendeine! Es sollte schon etwas für die Zukunft sein, den eine KKA läßt man sich nicht jedes Jahr einbauen. Auch nicht alle vier Jahre. Solch eine KKA soll schließlich etwas fürs Leben sein. Damit man etwas davon hat. Denn man weiß ja nie, was die Zukunft bringt. Und die Umwelt, die soll sie schonen - soweit irgend möglich. Denn wir sind ja alle Naturschützer und Grüne, wir Landmenschen. Wir lieben ja das Landleben und deshalb auch die Tiere und die Natur, also sind wir Ökos oder Grüne, nicht wahr? Und wir grünen Ökos, wir wollen ja auch allen Nachbarn und so weiter zeigen, wie man ein richtiger Umweltschützer ist. Das wollen wir ja vorzeigen, nicht wahr? Und genau solch ein Mann war der vorherige Eigentümer. Ein Mann der Taten! Und des Geldes, davon hatte er zwar keines, aber was soll es, es tut der Umwelt ja gut. Und deshalb ließ er eine KKA bauen, die nicht nur überdimensioniert ist, sondern auch das Modernste vom Modernen war. Und biologisch ist die erst mal, da macht sich kein Leser ein Bild von.
Und teuer ist die gewesen. Alle Nachbarn haben ja nur so ein öddel Ding von KKA. Die haben um die 8000 bis 10000 DM gekostet. Diese, ja diese, die hat richtig viel mehr gekostet. 16800 DM. Und weil die so toll oder auch teuer war, gab es sogar einige Berichte in den lokalen Zeitungen darüber. Sogar mit Bild, wenn auch nur schwarz-weiß.
Heute ist diese supertolle KKA in unserem Besitz.

Um es vorweg zu nehmen: Seit der Installation lief sie noch keine sechs Monate reibungslos. Durch jede Kontrolle des Abwasserverbandes fallen wir durch. Vor drei Jahren war eine meiner ersten Aktionen hier am Haus, die korrekte Ausrichtung der Abwasserrohre zur KKA. Die Installationsfirma hatte darin zwar ein Gefälle eingebaut, aber leider nicht zur Richtung KKA, sondern zum Haus. Das war natürlich sehr unvorteilhaft. Verstopfungen vorprogrammiert.
Das geklärte Abwasser aus der KKA fließt in den Entwässerungsgraben. Es wird nicht gepumpt oder so, es fließt. Wenn der Graben nun aber voll ist, dann kann es natürlich nicht abfließen. Das ist dann eine ganze tolle Geschichte. Denn dann läuft die KKA immer voller und voller und ist dann irgendwann so voll, das alles durcheinander läuft.
Und wenn dann alles durcheinander läuft, dann kann man als Betreiber alles abpumpen, ungeklärt natürlich, und wohin, in den Graben natürlich, denn wo soll ich 10000 Liter Abwasser lagern, und alles wieder reinigen und zusammenbauen und wieder voll laufen lassen? Wenn ich schnell genug bin, so kann ich die letzte der drei Kammern leerplumpen, bevor die KKA überläuft.
Auch das muss ich natürlich in den Graben pumpen. Wohin auch sonst? Jedenfalls ist das Wasser schon relativ sauber. Das Problem ist einfach, das die Installationsfirma die KKA zu tief gesetzt hat. Hätte sie die KKA 60 Zentimeter höher eingesetzt, so würde dieses Problem nicht entstehen. Haben sie aber nicht, und so habe ich nun die Arbeit damit.

Am letzten Donnerstag war wieder mein Abwasserkontrolleur da. Ich wußte ja, dass er im Oktober kommt und habe Ende September die Anlage nochmals überprüft. Es war technisch alles in Ordnung. Das Wasser war optisch auch in Ordnung. Ich machte mir also keine Sorgen um diesen Kontrolleur. Als er aber am Donnerstag hier ankam und die Wartungsdeckel öffnete, schlug er und auch ich die Hände über dem Kopf zusammen. Es war wieder alles durcheinander und alles dort, wo es nicht hingehört. In allen drei Kammern waren die Reste von Klopapier zu finden, in Kammer eins und drei waren die ganzen Plastikkugeln aus Kammer zwei, der Wirbelkammer, zu finden, die aber in Kammer eins und drei überhaupt nicht sein dürfen und auch dort keinen Sinn erfüllen können, und so weiter.
Die KKA war also, ohne dass ich es so schnell mitbekommen habe, wieder voll- und übergelaufen.

Daraufhin ist der Kontrolleur gleich wieder gefahren. Hier hatte er nichts mehr zu tun.
Er nicht, aber ich!
Erst die zweite Kammer völlig leerplumpen und säubern, dann wieder voll laufen lassen. Anschließend aus Kammer drei die Plastikkugeln, die dort ja nichts zu suchen haben, mit einem Käscher dort herausfischen und in Kammer zwei schütten. Diese Arbeit verrichtet man im Liegen, und wenn der Käscher voll ist, dann steht man auf, begibt sich zur zweiten Kammer und schüttet sie hinein, geht wieder zurück, legt sich hin und so weiter. Der Geruch dabei ist echt angehnem. Man selber nimmt diesen Geruch ja auch an. So habe ich also die ersten zwei Kubikmeter dieser Plastikkugeln heraus gefischt. Dann Kammer drei leergepumpt und gesäubert und wieder voll laufen lassen. Nun ist Kammer eins dran, die Sickerkammer.
Da die Plastikkugeln schwimmen, kann man sie zwar einfach abfischen, aber in diese Kammer kommt alles, was so durch den Abfluss kommt. Klopapier, Kacke, Tampons, Binden. Wir wissen, das letzteres dort nicht hineingehört, aber unsere Kunden ...
Das alles schwimmt dort zwanzig Zentimeter dick drauf herum, darunter sind erst die Plastikkugeln. Natürlich vom darüber liegenden Dreck verschmutzt. Man muss also erst diese dicke Pampe zerkleinern, bis man an die Kugeln kommt. Und der Scheiß stinkt!

Nach dem Zerkleinern habe ich also die restlichen drei Kubikmeter dieser Plastikkugeln mit meinem kleinen Käscher dort heraus gefischt und unter fließend Wasser gesäubert und in Kammer zwei geschüttet. Kammer eins brauche ich nicht leer pumpen und säubern, da dort ja eh der ganze Dreck hinein fließt. Für die gesamte eben beschriebene Aktion benötige ich zwei Tage. Das war also mein Wochenende.
Dieses Problem könnte man auch noch nachträglich lösen, indem man die Löcher unterhalb des KKA-Deckels schließt, z. B. mit Beton oder Bauschaum, aber das darf man nicht, so erklärte der Kontrolleur. Es gäbe da eine Vorschrift, die genau vorschreibt, wie groß und in welchem Abstand diese "Wartungs- und Übergangsmöglichkeiten" dort vorhanden sein müßen. Geöffnet versteht sich.

So bleibt mir wohl vorläufig nichts anderes über, als ständig zu kontrollieren und die Augen auf zu halten, nach dem Wasserstand im Graben, denn solange dieser niedrig genug ist, so funktioniert unsere KKA mittlerweile auch, denn alle anderen Kinderkrankheiten, wie zu kleine Schläuche für die Druckluft, zu grobe Siebe an den Überlaufvorrichtungen, falsche Standorte der Luftströmer, habe ich bereits beseitigt.
Ein bisschen tröstet es mich ja, dass meine Nachbarn sich ebenfalls mit solchen Problemen herumschlagen müssen, auch wenn sie so popelige KKAs haben. :-)

Fortsetzung:

Was haben Landmenschen was Stadtmenschen nicht haben?
Richtig, es sind die Kleinkläranlagen.
So fand ich bei weiteren Reparatur- und Wartungsarbeiten eine Tauchpumpe in der dritten Kammer.
Diese hatte ich noch nie gesehen. Die lag ganz unten drin.
Aber warum war die da?
Der Schlauch, der daran war, führte in die erste Kammer.
Soll man also damit aus der dritten Kammer das Wasser in die erste pumpen?
Das macht doch keinen Sinn, denn es ist eine Luftpumpe in der dritten vorhanden, die über Luftdruck Wasser in die erste drückt, und das 40 Liter in der Stunde.
Warum also eine weitere Tauchpumpe?
Funktioniert die überhaupt?
Wo schaltet man die an?
Das Stromkabel führte zu einem Verteilerkasten in der ersten Kammer. Den habe ich geöffnet, aber Strom war dort nicht. Also zur Steuerelektronik in der Scheune. Alles abgesucht. Und siehe da, dort gibt es eine Einstellung mit der Bezeichnung: Pumpe Manuell an. Habe ich dann eingeschaltet.
Und?
Es passierte etwas, aber nicht das Erwartete oder Erhoffte.
Es sprang die Sicherung heraus.
Also Sicherung wieder an und nochmal versucht.
Gleiches Ergebnis.
Also Pumpe aus der dritten Kammer gezogen. Pumpe geöffnet.
Siehe da!
Das Ding kann nicht funktionieren. Es hat sich Dreck in der Schmutzwasserpumpe festgesetzt, der ein Drehen des Wirbelrades verhinderte und die Pumpe durchschmoren ließ.
Tolle Schmutzwasserpumpe, die sich von kleinen Körnern schon den Garaus machen lässt.
Ich glaube aber, die Pumpe war nicht unzufrieden, nach fünf Jahren wieder das Licht der Welt zu erblicken. Sie wurde richtig warm. Man konnte seine kalten, nassen und klammen Hände daran wärmen. Aber nur bis die Sicherung heraussprang.
Gut.
Diese unnütze Pumpe ist also ausgebaut und damit die KKA wieder etwas schlanker und übersichtlicher. Genau in dem Moment, als die Pumpe mit allen Schläuchen und Kabeln ausgebaut war, fiel allerdings die vorhin beschriebene Luftpumpe auseinander. Einfach so fielen alle Rohre auseinander.
Coole Sache!
Da begann das Puzzeln. Aber nicht oben, nein, unten in der Kammer bei wohligen Düften und besten Lichtverhältnissen bei tropischer Trockenheit. Die musste unten in der Kammer zusammengebaut werden, weil dort die Teile lagen und die Halterungen für die Rohre hängen.
Das alles habe ich letzten Montag noch erledigt.
Gestern schaute ich schon mit ungutem Gefühl nochmals die KKA durch. Und siehe da, sie funktioniert nun seit 4 Tagen reibungslos.
Mal sehen, wie lange das so bleibt. Die nächsten Regenschauer kommen bestimmt. Der Wasserstand des Grabens wird steigen und damit wieder das Wasser der KKA daran hindern, abzufließen.

©2004 Eckard Wulfmeyer

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